
Bei einem besonderen Jubiläum eines Ortes wird immer nach seinen Urspüngen und Wurzeln gefragt. Die Frage: „Woher komme ich?“ ist oft eine Hilfe für die eigene Standortbestimmung und den Weg, der zu gehen ist. Ein Gebäude, das wohl die meisten Menschen Oßmannstedts geprägt hat, in dem viele in ihrem Leben bis heute Station machen und dessen Raum noch viele in der kommenden Zeit mit Leben füllen werden, ist die St.-Peters-Kirche. Sie ist das wohl älteste Bauwerk Oßmannstedts.
Es ist nicht mit Sicherheit zu sagen, ob es im Jahr 956, der ersten urkundlichen Erwähnung Oßmannstedts, schon eine Kirche hier gegeben hat. Erst im Jahre 1263 wird zum ersten Mal ein Pfarrer aus Oßmannstedt in einer Urkunde genannt. Er unterschreibt diese als Pfarrer Rüdiger aus Oßmannstedt. 1297 findet sich aber die erste Erwähnung der Kirche, jedoch ohne den Namen des Patroziniums. Aber zwei Jahre später 1299 erscheint die volle Nennung der Kirche mit dem Namen St. Peter zu Oßmannstedt. 1303 wird sie dann ausdrücklich Pfarrkirche genannt.
Das Peterpatrozinium, von dem der Name der Kirche von Oßmannstedt abzuleiten ist, lässt sich wahrscheinlich darauf zurück führen, dass die Pfarrei Oßmannstedt erst eine Gründung des Nonnenklosters St. Peter in Quedlinburg ist. Die Gleichheit des Namens lässt diesen Schluss zu. Folgt man dieser Annahme, wie es auch der Historiker Martin Hannappel tut, so wäre die Gründung der Pfarrei Oßmannstedt zwischen 956 und 1013 anzusetzen. Sie würde somit in die Zeit fallen, in der Oßmannstedt dem Stift St. Peter zu Quedlinburg zugeordnet war. Vermutlich ist das erste Kirchengebäude Oßmannstedts in dieser Zeit entstanden.
Doch neben der St.-Peters-Kirche gab es noch eine Kapelle in Oßmannstedt.
Wie bekannt ist, wurde 1297 das Patronatsrecht des Ortes von den Herren von Lobdeburg an das Marienknechtskloster Himmelgarten in Russungen bei Nordhausen verschenkt. Sechs Jahre später hatte der Erzbischof Gerhard II. dem Kloster gestattet, eine Niederlassung in einer der Kapellen oder Tochterkirchen Oßmannstedts zu besitzen. Tochterkirche ist bestimmt Ulrichshalben gewesen.
Die größte Wahrscheinlichkeit spricht jedoch für die Annahme, dass die Mönche des Klosters eine Kapelle in Oßmannstedt genutzt haben. Es ist ganz sicher, dass in Oßmannstedt eine Kapelle gestanden hat. Die Flurbezeichung auf oder bei der Kapelle und der durch das Kirchenbuch seit Beginn des 17. Jahrhunderts bezeugte Name „auf der Capellen“ als Bezeichnung des Friedhofes sind deutliche Hinweise, daß es in Oßmannstedt eine Kapelle gegeben haben muss.
Möglicherweise lässt sich noch mehr vermuten. In einer Urkunde aus dem Jahr 1326 findet sich die Flurbezeichung „bei Bartholomäus“, die nach weiteren spezifizierten Angaben durchaus jene Gegend in der Nähe des erweiterten Friedhofes bezeichnen könnte. Sind diese Beobachtungen richtig, dann wäre die Kapelle eine St.- Bartolomäus-Kapelle gewesen. Das Patrozinium St. Bartholomäus ist in unseren Gegenden im Allgemeinen auf den Einfluss der Ottonen zurückzuführen.
Das ist eine Vermutung, die für Oßmannstedt – wo Otto I. bis 956 Besitz hatte – zutreffen könnte. Bei der Kapelle würde es sich dann um ein Bauwerk handeln, das auf Veranlassung Ottos I. zwischen 936 und 956 gebaut worden ist. Sie wird an einer Stelle gestanden haben, die von Oßmannstedt und Ulrichshalben (und dem verschwundenen Ort Schirmsdirf?) aus gleichermaßen zu errreichen war. Es war in der Zeit der Kirchengeschichte, in der die geistliche Versorgung der einzelnen Dörfer von einem Zentrum aus erfolgte. Gemeinsame zentrale Veranstaltungen verschiedener Dörfer, so wie sie heute notwendig und gut sind, haben schon damals das geistliche Leben der Gemeinden geprägt.
Mit letzteren Überlegungen ist jedoch der feste Boden des urkundlich Belegten weit verlassen worden. Die Argumentation gründet sich methodisch auf Vermutungen zu den Patrozinien und hat keinen Anspruch auf absolute Sicherheit.
Es ist nicht nachzuweisen, wie lange die Kapelle gestanden hat. Fomulierungen im Sterberegister des Kirchenbuches Oßmannstedt aus dem Jahre 1654 „…bestattet… mit einer Leichenpredigt, als er zuvor in die Kapelle getragen“ würden das Bestehen der Kapelle noch voraussetzen, doch die Rechnungen aus dieser Zeit weisen keine Ausgaben der Kirche nach, die auf die Unterhaltung einer Kapelle hindeuten.
Für die Kirche St. Peter sind solche Hinweise durchaus vorhanden. Wenn 1730 von einer Selbstmörderin berichtet wird, die „in der hisigen Capelle … ohne einige Ceremonien begraben worden“, ist bestimmt nur der Friedhof gemeint – im Gegensatz zu dem Friedhof um die Pfarrkirche. Schauen wir auf das, was bis heute geblieben ist. Die St.-Peter-Kirche, so wie sie uns bis heute erhalten blieb, ist ein spätgotisches Bauwerk, das etwa in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts begonnen wurde und etwa im 2. Viertel des 16. Jahrhunderts beendet war.
Mit großer Sicherheit hatte die jetzige Kirche einen Vorgängerbau. Davon zeugt offensichlich der Turm, der älteste Teil der Kirche. An seiner Nordseite befindet sich noch eine spitzbogige Tür, die aus frühgotischer Zeit stammt. Sie führt in einen gotischen Raum, der vermutlich als Gruft verwendet wurde.
Der Turm selbst steigt sehr massiv in drei Geschossen bis etwa zur halben Dachhöhe des Kirchenschiffs auf. In seinen unteren Geschossen sind kleine Lichtspalten zu sehen, wie sie während des ganzen Mittelalters üblich waren. Im zweiten Obergeschoss sind vier größere Spitzbogenfenster erkennbar, die aus spätgotischer Zeit stammen. Durch sie sind später die Glocken in den Turm hineingekommen, gut erkennbar an den Innenwänden.
Im Turm hängen drei Glocken. Die große und die mittlere Glocke, beide aus Gusseisen, stammen aus dem Jahre 1919. Die kleine Glocke wurde im Jahr 1999 in Apolda öffentlich gegossen und zum Erntedankfest desselben Jahres nach einem feierlichen Gottesdienst im Turm angebracht.
Die Glocken tragen folgende Inschriften:
Gottesdienstglocke: O; OSSMANSTEDT; DU LIEBER ORT; HOER GOTTES STIMM UND CHRISTI WORT
Stundenglocke: VOR SUENDE SCHULD UND EW’GEN TOD; BEWAHRE DICH DER LIEBE GOTT
Tauf- und Sterbeglocke: VERBUM DEI MANET IN AETERNUM (Gottes Wort bleibt in Ewigkeit).
Unter dem Turm erstreckt sich das Kirchenschiff. Es hat eine Länge von 23,80 m und ein Breite von 9,80 m und stammt aus spätgotischer Zeit. Erkennbar ist das bei dem massiven Steinbau besonders an den großen spätgotischen Spitzbogenfestern, welche die Kirche erhellen und wirkungsvoll gestalten. In ihrer Verschiedenheit spiegeln sie die Vielfalt der spätgotischen Epoche wieder.
Um 1610 erfolgte eine bedeutende Restaurierung der St.-Peters-Kirche durch den Gothaer Baumeister Niclaus Deiner (Teiner). Vermutlich hat er vorhandene Elemente der Kirche geschickt in seine Umbau- und Restaurierungsarbeiten integriert. Davon zeugt der Vorbau zum heutigen Eingangsbereich. Es ist ein geschlossener Vorraum mit einem beachtenswerten Portal. Es zeigt Gott mit segnender Hand und der Weltkugel in der anderen Hand. Vermutlich stammt der Dreiecksgiebel aus der Renaissancezeit um 1540.

Ein weiteres Zeugnis der Restaurierung von 1610 ist der Taufstein im Inneren der Kirche. Auf dem mit Engelsköpfen und verschiedenen Ornamenten verzierten Kunstwerk aus der Renaissancezeit ist folgende Inschrift zu lesen:
ANNO 1611 PASTORE CL (Casper Loner) EMANUEL GETZE.
Darunter befindet sich ein Wappenschild mit dem Monogramm N.T. und dem Meisterzeichen von Niclaus Teiner.
Neben dem Taufstein hängt ein Ölgemälde, das den Titel trägt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“. Das Bild wurde der Kirchengemeinde in Oßmannstedt am 4. Advent 1909 von dem Medizinalrat Dr. Gimprecht aus Weimar, der in Oßmannstedt Jagdpächter war, geschenkt. Es wurde von Prof. Österley gemalt.
Der barocke Kanzelbau, der sich hinter dem Altar in die Höhe streckt, ist im 17. Jahrhundert in die Kirche gekommen. Das Zentrum schmückt das Wort „Gottes Wort bleibt in Ewigkeit“, das in lateinischer Sprache auch als Glockeninschrift der kleinen Glocke gewählt wurde. In der Reformationzeit war dieses Wort die Grundlage, auf welche die sächsischen Kurfürsten ihr Leben stellten. Es prägte sie in ihren politischen Entscheidungen und gab ihnen Orientierung.
Bemerkenswert sind die beiden Figuren an den Seiten der Kanzel. Sie stellen Maria und Johannes dar; sie sind aus dem 16. Jahrhundert. Sie waren vermutlich ursprünglich in eine Kreuzigungsgruppe integriert. Ob aber die St.-Peters-Kirche eine solche Darstellung hatte, dafür gibt es heute keinerlei Hinweise.
Neben der Kanzel sind noch zwei gut erhaltene Epitaphien der Familie Harras mit folgenden Inschriften erhalten.
- ANNO 1570 DEN 20 SEPTEMBRIS IST IN GOT VERSCHIEDEN …….(WILHEL)M V0N HARRAS GOTT……
- (IV)NII IST DER GESTRENG VND ER …….SEINES ALTERS 70 IHAR IN GOTT SELIG VORSCHAIDEN GOT VORLEI IME.
Richtet man nun seinen Blick von der Kanzel aus in den Kirchenraum hinein, so erblickt man zunächst die historisch wertvolle Witzmannorgel. Erbaut wurde das Instrument 1810 von dem jungen Orgelbaumeister J. Benjamin Witzmann (1782-1814). Daran erinnert folgende Innschrift selbigen Jahres:
Diese Orgel ist im Jahre 1810 erbaut worden von Herr B. Witzmann aus Stadtilm. Die Zinnarten vom fast der ……Herr N. Zelle aus Stadtilm angefertigt. Mitarbeiter von diesem Werk waren Heinrich Sommer aus Dittersdorf, Tischlergesell Friedrich Schulze von Milmitz, Lehrling der Orgelbauzunft. Cantor zu der Zeit Herr J.G. Marschall und der Müller, bei welchem sie Logis hatten Herr Johann Philip Caemmerer.
Die Witzmannorgel ist mit ausgesuchten Materialien und handwerklich vollkommen gebaut. Die reiche Disposition wurde auf engstem Raum realisiert und ist für eine Dorfkirche in diesem Umfange außergewöhnlich. Die Orgel war leider in einem sehr schlechten Zustand. Derzeit ist sie ausgebaut und wird durch eine anerkannte heimische Orgelbaufirma restauriert. Die immensen dafür nötigen Mittel kann die Kirchengemeinde nicht aus eigenen Kräften aufbringen.
Mit dem Einbau der Orgel wurde auch die Decke der Kirche verändert. Davon zeugt im Tonnengewölbe die Inschrift von 1811:
Wahrheit ist im Tempel der Tugend der Vorhof, Liebe das Heilige, Reinheit das Allerheiligste.
Im Eingangsbereich der Kirche sind noch zwei Kunstwerke zu erwähnen. Zum einen ein Crucifix aus dem 17. Jahrhundert. Herkunft und Künstler des Holzkreuzes sind nicht bekannt. Zum anderen sind unter dem Kreuz drei Brüstungsplatten einer Steinkanzel zu sehen. Sie stammen aus etwa aus der selben Zeit wie der Taufstein. Die linke Tafel zeigt Jesus als Knaben, darüber Gott mit Kreisnimbus und dem Reichsapfel in der Hand. Auf der mittleren ist ist die Taufe Jesu dargestellt, wobei Jesus betend im Lendengewand im Jordan steht, darüber ist eine Taube mit Strahlennimbus zwischen zwei geflügelten Engelsköpfen zu sehen. Die rechte Tafel stellt eine Kreuzigungsszene dar, wiederum mit zwei geflügelten Engelsköpfen.
Die Kirche hat in ihrer Geschichte viele Veränderungen erfahren, sie wurde oft umgebaut und renoviert, zuletzt mit viel Mühe und Anstrengung der Kirchgemeinde in den Jahren 1988/89.
Doch die Kirche ist nicht nur das Gebäude, sondern auch die Gemeinde, die sich als Kirche zu ihrer Kirche hält und zur Kirche geht. Auch hier vollziehen sich im Laufe der Jahre viele Veränderungen. Neue Wege müssen immer wieder gewagt werden, damit die Kirche weiterhin „im Dorf bleibt“. Für viele Menschen in unserem Dorf ist der Gottesbezug ihres Lebens verloren gegangen. An Gottes Stelle treten häufig Arbeit, Geld, Wissen, Versicherungen, Kultur und andere Dinge woran Menschen ihre Herzen hängen. Aber dennoch ist bei den meisten Menschen eine Ahnung vorhanden, dass sich das Leben darin nicht erschöft. Wenn die Kirche auch nicht für alles offen ist, so ist sie doch für alle offen, die in ihr und durch sie nach neuem Leben suchen.
Gegenwärtig haben die beiden Kirchengemeinden Oßmannstedt und Ulrichshalben zusammen 461 Mitglieder.
Die Wiedereinweihung der Witzmannorgel wird am 26. Juni 2010 in einem feierlichen Festakt vollzogen werden. Der Verein zur Förderung der Witzmannorgel Oßmannstedt e.V. und die Kirchengemeinde unternehmen alle Anstrengungen auch weiterhin mit einem abwechslungsreichen Programm an Konzerten, Lesungen, Vorträgen und sonstigen Veranstaltungen ihre Besucher aus Oßmannstedt, Thüringen und den anderen Bundesländern für die St.-Peter-Kirche und ihre Witzmannorgel zu begeistern.

Die Pfarrer von Oßmannstedt:
1. um 1250 Pfarrer Rüdiger 2. 1302 -1313 Pfarrer Bertram 3. um 1306 Friedrich von Sulza 4. um 1338 Theodor von Halle 5. um 1356 Johannes von Frankenhausen 6. um 1360 Engelbrecht von Born 7. um 1361 Bertram von Göttingen 8. um 1365 Johann von Oßmannstedt dazu Ottonis von Eschwege 9. um 1379 Conrad von Oteleyben 10. um 1469 Johann Schön 11. um 1516 Conrad Espersat 12. um 1526 Dr. Valentin Mosch 13. um 1550 Tobias Prussel 14. um 1555 Magnus Hugo 15. 1558 -1562 Joachim Magdeburg 16. 1563 -1590 Adam Pfaffe 17. 1590 -1598 Johann Schultheiß 18. 1599 -1618 Casper Lomer 19. 1618 -1637 David John 20. 1638 -1647 M. Thurschius 21. 1648 -1670 Wolgang Mylius 22. 1671 -1710 Ludwig Osann 23. 1710 -1734 Laurentius Etzdorf 24. 1735 -1736 Johann Tobias Albinus 25. 1736 -1746 Ludwig von Saalborn 26. 1743 -1753 Johann Steinmüller 27. 1754 -1771 Friedrich Ernst Creuznacher 28. 1771 -1774 Johann Christian Mempel 29. 1774 -1786 Johann Georg Neuber 30. 1787 -1792 August Jacob Liebeskind 31. 1794 -1823 Franziskus Frenzel 32. 1825 -1847 Johann Gottfried Gabler 33. 1847 -1863 K.W. Friedrich Faber 34. 1863 -1868 F. Gustav Adolf Seifert 35. 1868 -1885 Emil Müller 36. 1886 -1923 Dr. phil. H.c. Ferdinand Gerstung 37. 1923 -1950 Bruno Gerstung 38. 1950 -1957 Ulrich Schulz 39. 1958 -1971 Johannes Wiechmann 40. 1973 -1984 Richter 41. 1987 -1992 Lukas Determann 42. 1993 -1998 Tilmann Krause 43. seit 1998 Johannes Sparsbrod
Oßmannstedt, im Oktober 2009
Pfarrer Johannes Sparsbrod
|